rotWestdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ), 07.07.2008

Für Pinocchio und Pokemon



Mit seinem Programm „Phantasia" brachte das Saxophon-Quartett „Pindakaas“ einen feinen Spaß in den Innenhof und ins Kirchenschiff
von St. Antonius


Holsterhausen. An der Frage dürften die meisten Fernseh-Quiz-Kandidaten verzweifeln: Wer war Englands erster Komponist mit Pfund-Millionen auf dem Konto - ein halbes Jahrhundert vor Paul McCartney? Albert Ketelbey, musikalischer Direktor des Londoner Vaudeville-Theaters. Als Genie des Humors nach Noten konnte er sich bereits 40-jährig zur Ruhe setzen. Doch bis dahin schrieb Albert Ketelbey so amüsante Exotika wie „Auf einem persischen Markt".

Es war die von den vier „Pindakaas"-Saxophonisten passgenau gewählte Eröffnungsmusik für einen Abend mit dem Titel „Phantasia". Zuvor trug Volker Zwetschke, der Impresario der Konzertreihe „Ars musica ad Lupiam", noch alle erreichbaren Sitzmöbel aus der Kirche in den lauschigen Hof von St.Antonius: Der Charme dieser bislang nur von örtlichen Vereinen genutzten Spielstätte namens „Paradies" scheintsich herumzusprechen.

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Vom Paradies sollte auch ein Tango aus dem Pindakaas-Repertoire träumen. Doch erst einmal schaukelte die persische Karawane in humoristisch trötendem Passgang. „Programm-Musik" heißt im e-musikalischen Kanon leicht abschätzig das großteils spaßige Oeuvre, dem sich das famos eingespielte Pindakaas-Quartett in zwölf überlegt ausgewählten Werken widmete. Und aus diesen Miniaturen blitzte ein Einfallsreichtum, der vieles an gepflegt-langweiliger Klassik cool in den Schmollwinkel verweist, so komponierte Eugene Bozza eine ungestüme „Serenata al Pinocchio" als keckernde Zirkusmusik, schrieb Jacques Ibert eine erhabene Melodie für die „Goldenen Schildkröten" - natürlich in äußerst gemächlichem Takt. Die Kunst verblüffender Tempiwechsel und vertrackter Rhythmen zelebriert Pindakaas mit höchstem Genuss.

Das bewiesen die Vier mit Iberts Ode an die „Kleine Weiße Ameise": In superschnellem Marschtritt gaben sie einer musikalischen Preziose den Feinschliff, wie es wohl nur ein in 18 Jahren perfektioniertes Zusammenspiel vermag. An den drei impressionistischen „Katzen"-Etüden von Marc Berthomieu zeigte sich besonders schön die Gabe dieses Quartetts, ein zunächst nur hingehauchtes Thema bis zu drängender Intensität zu steigern.
Und der Altist kann sogar singen: In bester Moritaten-Manier stimmte Guido Grospietsch a cappella Andre Hellers „Totenlied" an – als Einleitung zum unerwartet munteren „Totentanz" des 44-jährigen Bastian Fiebig. Dessen programmatisches Gegenstück nach der Pause war Kurt Weills im Pariser Exil komponierter Tango-Chanson „Youkali", seit drei Generationen ein Kleinod für die besten Jazz-Sängerinnen. Das Arrangement für vier Saxophone machte aus dem sehnsuchtsvollen Traumlied eine eher beschwingte Tanzmusik von fast orchestralem Glanz.

Wegen der ersten Regentropfen gab's zwischen den beiden Weill-Nummern einen flotten Umzug in die Kirche mit ihrer pointierten, zunächst schneidend wirkenden Akustik. Aber der von Bert Brecht getextete „Alabama Song" soll ja auch in hartem Wechsel aggressiv klingen - und dann wie ein sentimentaler Schieber. Eine anspruchsvolle Komposition kostümierte Pindakaas lieber als Daddelei für Kinder: Mit einem treuherzig verlesenen „Original-Dialog aus der blauen Pokemon-Serie" stimmte Marcin Langer, der Sopran-Saxophonist des Quartetts, das Publikum ein für seine „Gameboy"-Fantasie. Diese in vielerlei Hinsicht verspielte Suite forderte mit verzwickter Metrik das ganze Quartett - nicht zuletzt und nicht nur hier Matthias Schröders Bariton-Saxophon, das den Ensemble-Sound der Vier zuverlässig satt unterfütterte.

Für kleine Überraschungen war selbst das Filmmusik-Finale gut. Denn, man staune: Im Direktvergleich zwischen „Star Wars" und „Raumpatrouille Orion" gewann der Soundtrack des ARD-produzierten Siebenteilers mit einer schmetternden Emphase, die mühelos auch jeden Western-Galopp untermalen könnte.

Die für herzlichen Applaus eingelösten Zugaben entsprachen dem Spaß des „Phantasia"-Programms. Mit dem musikalisch keineswegs zu unter-schätzenden „Chinese Rag"und Henry Mancinis humoristischem „Baby Elephant Walk" empfahl sich Pindakaas für seinen nächsten Auftritt längs der Lippe: am Sonntag, 31. August, in der Gahlener Dorfkirche.

      Ralph Wilms

 


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Stimmungsvoller Schauplatz mit schöner
Akustik: Der Innenhof von St. Antonius,
genannt "Paradies".Foto :WAZ, Hans Blossy