
Münstersche Zeitung (Kultur), 24. September 2008
Lehrstunde nach Noten
Kindertheater: für musikalische Vielfalt
Münster. "Das Praktische an Kunstwerken ist, dass man sie stehlen kann. Bilder hängt man ab, Skulpturen packt
man ein, Zeichnungen rollt man zusammen - nur die Musik lässt sich nicht transportieren." Der Auftrag jedenfalls,
den der skrupellose Kunsträuber Paolo Passepartout (Martin Heim) übernommen hat, erweist sich als kaum ausführbar:
Passepartout soll nämlich im „Wundersamen Museum für Musik" die wertvollste Musik stehlen.
Im Begegnungszentrum Meerwiese lieferten sich „Der Meisterdieb und das Geisterquartett" einen raffinierten Schlagabtausch über
Bedeutung, Sinn und Sinnlichkeit der Musik.
Geisterstunde
Auf vier kleinen Podesten stehen Musiker mit einem Saxofon, zwei antike Bilderrahmen hängen wie verzaubert in der Luft.
Eine Dame im rosa Rüschenkleid blickt ernsthaft aufs Notenpult, hinter der mafiösen Sonnenbrille wartet ein Herr im grauen
Anzug auf seinen Einsatz, ein Gentleman mit
Bowler-Hut konzentriert sich ganz auf kerzengrade Haltung, der Rocker im Hochglanzhemd
möchte endlich aus dem Rahmen fallen. Sie alle warten auf die mitternächtliche Geisterstunde.
Der Clou von Martin Heims „Musiktheaterstück für Kinder" (Regie: Ralf Kiekhöfer) liegt in der Präsentation der
Musikgeschichte jenseits der Museums-Perspektive. Die Musiker des „Pindakaas Saxophon Quartetts" verwandelten sich
in leidenschaftliche Spielmarionetten, die mit Saxofon, Oboe, Querflöte und Klarinette durch die Landschaften der Epochen geisterten.
Sie schenkten dem müden Nachtwächter Mozarts „Kleine Nachtmusik", schlichen mit Mancinis „Rosarotem Panther" hinter dem
Musikdieb her, brachten ihn mit Weills „Dreigroschenoper" auf den Geschmack und eroberten sein Herz mit swingendem Jazz, während die
Stimmungswogen des Schlager-Medleys bis zur Heulboje „I am sailing" hochschlugen.
Das Ungreifbare wurde so im unmittelbaren Musikerlebnis zum wunderbar Begreiflichen. Denn nur eine klingende Musik ist keine
Museums-Musik. Dieses Gefühl übertrug sich auf die Kinder, die schnell verstanden, warum der Meisterdieb bald viel lieber selbst Musik
machte, anstatt sie zu stehlen. Mit dem sympathischen Plädoyer für musikalischen Pluralismus endete eine unterhaltsame, sehr sorgfältig
inszenierte Aufführung.
• Günter Moseler