WAZ, Bocholt, 06.10.2009
Klangvolle Geisterstunde
680 Kinder erlebten gestern in der Aula des Kapus "Der Meisterdieb und das Geisterquartett". Sänger und Schauspieler Martin Heim und das Pindakaas Saxophon Quartett entführten die Besucher auf zauberhafte Weise in die Epochen der Musikgeschichte.
BOCHOLT. Generell ist stehlen böse und Geister sind gruselig. Museen, in denen nicht gesprochen, gegessen, gekichert oder gerannt werden darf, sind ein Gräuel. Klassische Musik stößt auf ähnlich wenig Gegenliebe - zumindest wenn man sechs Jahre alt ist. Doch im "Wundersamen Museum für Musik" ist alles anders.
Denn dort ist das klangvolle Geisterquartett zu Hause und der gefürchtete Meisterdieb Paolo Passepartout auf Diebesfang. Doch Passepartout steht vor einer schwierigen Aufgabe: Er soll die "wertvollste Musik" stehlen. Er weiß zwar, wie er im Museum Bilder abhängt und einpackt, Zeichnungen zusammenrollt und mitnimmt - aber Musik lässt sich nicht so leicht transportieren.
Auf fast gespenstische Weise entführten gestern Schauspieler Martin Heim (Paolo Passepartout) und das Pindakaas Saxophon Quartett 680 Kinder in musikalische Epochen von der Klassik bis zur Popmusik. In der Aula des Kapus lieferten sich "Der Meisterdieb und das Geisterquartett" einen raffinierten Schlagabtausch über Bedeutung, Sinn und Schönheit der Musik.
Und erhielten dabei die volle Aufmerksamkeit der Kinder. So leise und doch lebendig ist Kindertheater selten.
Auf vier kleinen Podesten stehen die Musiker des Pindakaas Quartett im Museum, eingefangen in antiken Bilderrahmen und stellvertretend für Epochen: Iohanna Amadea, die Klassikerin, im rosa Rüschenkleid, dahinter der Avantgardist Kurt Olivier Arnold, ein Herr im grauen Anzug, der auf seine kerzengerade Haltung achtet, daneben der Jazzer Charlie "The Duke", ein Gentleman mit Melone, der sich auf seinen Einsatz konzentriert,
und am Rand der Rocker, Rocky Iohn Boy, im rosa Satinhemd, der endlich aus dem Rahmen fallen will.
Sie alle warten auf die mitternächtliche Geisterstunde, in der sie und die Musik zum Leben erwachen.
Dann verwandeln sie sich in leidenschaftliche Spielmarionetten, die mit Saxofon oder Oboe durch die Landschaften der Epochen geistern. Sie schenken dem Museumsnachtwächter Mozarts "Kleine Nachtrnusik", schleichen mit Mancinis "Rosarotem Panther" hinter dem Meisterdieb her, bezaubern ihn mit Weills "Dreigroschenoper", erobern sein Herz mit swingendem Jazz und bringen ihn mit Pop zum Tanzen.
Den Kindern erging es ebenso, mucksmäuschenstill lauschten sie klassischen Tönen, während bei Queens "We will Rock you" kaum eines Hände und Füße stillhalten konnte. So verstanden sie schnell: Musik kann nicht gestohlen, sie muss erlebt werden.
Der Clou von Martin Heims "Musiktheaterstück für Kinder" (Regie: Ralf Kiekhöfer) liegt in der Präsentation der Musikgeschichte jenseits der Museums-Perspektive, die Kinder anspricht und nicht unterfordert.
Eine gut inszenierte Aufführung auch für Erwachsene.
von Barbara-Ellen Ross

Das Geisterquartett bring nicht nur den Meisterdieb (r.) zur Musik, auch die Kinder im Publikum waren begeistert. Foto:Betz