rot Westfälische Nachrichten 06. März 2006

Eine Erfindung und ihre Folgen

Nottuln.

Die Geburt des Saxofons oder das Leben des Adolphe Sax.

Als Konzertrevue für Kinder angekündigt, hatte der Verein Kunst + Kultur dafür das
bekannte Pindakaas-Quartett zusammen mit dem Schauspieler Martin Heim gewinnen
können. Ein Volltreffer.

Das Forum im Gymnasium Nottuln glich am Samstagnachmittag eher einem
Ameisenhaufen als einem Konzertsaal. Überall krabbelten und wuselten die Kleinen.
Selbst unter der Bühne fanden Mütter später noch Kinder. Sie hatten sich dort versteckt.
Nicht aus Angst. Eher aus Spielvergnügen, das ihnen ein kleiner Schauspieler in ihre Köpfchen
implantiert hatte. Ein Vergnügen nicht nur für die Kleinsten, auch die Älteren und Eltern
forderten begeisternd klatschend Zugabe, Zugabe.

Schauspieler Martin Heim, Chansonnier, Clown und Charmeur, lässt in dem Stück
das Leben des schrulligen Belgiers Adolphe Sax, geboren 1814 in Dinant, Revue
passieren. Adolphe, eines von elf Kindern, erlernt in Vaters Werkstatt den Bau
von Klarinetten. Die sind ihm aber bald schon zu dünn, zu leise, zu schrill.
Also bastelt er aus Ofenrohren, einem Megafontrichter und einem alten Mundstück
eine Klarinette aus Blech. Macht sie immer komplizierter, besser und tönender.
Dinant wird ihm bald zu klein. Zu Fuß macht sich der inzwischen zum Virtuosen
herangereifte Sax mit seinem Saxofon auf nach Paris. In die Stadt der Kunst,
der Liebe und der Musette. Eine Wanderung zum Erfolg. Man feiert ihn und sein
Instrument. Macht ihn zum reichen Mann. Doch dann der Niedergang. In seiner
Euphorie hatte Adolphe Sax vergessen, sein geniales Instrument patentieren zu
lassen. Er fällt zurück in die Armut. Stirbt.

Martin Heim überzieht nie. Wird nie pathetisch, nie erschreckend. Eher
weltfremd. Ein Leben abgespult in einer knappen Stunde. Eingebettet in den
Klangteppich des vorzüglichen Pindakaas (Erdnussbutter)-Quartetts mit Marcin
Langner, Guido Grospietsch, Anja Heix und Matthias Schröder. Ein famoses
Quartett: Ob mit Pikkoloflöte, Klarinette, Oboe und Querflöte, ob als
Background-Quartett oder am Bühnenrand im Vordergrund, ihr Repertoire lässt
keine Wünsche offen. Ein Genuss von Johann Strauß über Schumann, Bartók,
Tschaikowski bis Maurice Ravel.

Und später, nach dem Tode des unglücklich verarmten Adolphe, als der Jazz dem
Saxofon endlich zum großen Durchbruch verhilft, wechselt das Quartett.
Übernimmt mit Sopran-, Alt-, Tenor- und Bariton-Saxofon die Elemente moderner
Musik. Reißt mit Glenn Millers fetzigem Chattanooga Choo-Choo und Lady Madonna
Kinder wie Erwachsene von den Stühlen und selbst Adolphe Sax, alias Martin
Heim, ins Scheinwerferlicht zurück. Einfach toll.

Dieter Klein
Montag, 06. März 2006  |  Quelle: Westfälische Nachrichten (Nottuln)

 


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Foto:Schubert-Fotographie

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